1.3.1 Wie soll ich meinen Offenen Unterricht gegenüber Eltern und Kollegen rechtfertigen?
Zunächst einmal muss klar sein, dass unserer Meinung nach die gültigen rechtlichen Vorga-ben, das heißt die Richtlinien, Lehrpläne und Ausbildungsordnungen, Offenen Unterricht nicht nur ermöglichen, sondern sogar fordern. Die dort verankerten Richtziele verlangen einen Unterricht, der Kinder handlungsfähig macht, sie zu Selbstständigkeit, Demokratie und Ver-antwortung erzieht. Das ist in einem Unterricht, der diese Prinzipien selbst nicht beachtet, zumindest schwieriger als in einem Unterricht, der auf diesen Prinzipien basiert und in dem sie jeden Tag praktiziert werden. Auch die offenen Lehrpläne und Ausbildungsordnungen bzw. Stundentafeln, die ein fächerübergreifendes Vorgehen vorschreiben, legen einen fächer-integrierenden Offenen Unterricht nahe. Eigentlich müssten sich also eher traditionell unterrichtende Lehrer vor Eltern und Schulbe-hörde verantworten und nicht offen unterrichtende. Aber da hier anscheinend zwangsläufig Gewohnheitsrecht gilt (man kann Offenheit nicht erzwingen – und es sich auch nicht leisten, bis auf ihr Lebensende verbeamtete Lehrer nicht unterrichten zu lassen), sitzt oftmals der of-fen unterrichtende Lehrer zwischen den Stühlen, wenn er Eltern und Kollegen seine Vorge-hensweise näher bringen will. Dabei sind beide Gruppen wichtig: Die Eltern, damit die Kinder nicht zwischen die Fronten geraten, und die Kollegen bzw. die Schulleitung, damit der Rü-cken frei gehalten wird bzw. das Arbeitsklima erträglich bleibt. Das Wichtigste scheint uns dabei die eigene Identifikation mit dem offenen Unterrichtsprinzip zu sein – und zwar auf al-len Ebenen: vor allem vom Menschen- und Weltbild her, aber auch aus fachlicher bzw. fach-didaktischer Perspektive. Wir haben es glücklicherweise so erlebt, dass die Schulleitung und die Schulaufsicht hinter unserem Konzept gestanden haben; in vielen Bezirken sind diese Stellen mittlerweile so be-setzt, dass die Verantwortlichen offen für neue Impulse und innovative Umsetzungen der Richtlinien und Lehrpläne sind. Hier hatten wir den Rücken frei, was uns sicherlich stark ge-macht hat, unser Konzept auch in schwierigeren Situationen konsequent vertreten zu können. Die Akzeptanz des Kollegiums war anderer Art. Generell war unsere Vorstellung von Unter-richt so weit weg von dem, was die Kollegen selbst mit „Öffnung“ verbunden haben, dass un-sere Umsetzung wahrscheinlich niemand als ernsthafte Konkurrenz seines eigenen Unterrich-tes angesehen hat. Dass „Kinder machen können, was sie wollen“ und dabei noch etwas ler-nen sollen, erschien so absurd, dass man sich nicht unter Druck gesetzt fühlte. Hingegen ha-ben sich viele Kollegen immer wieder allgemein- und fachdidaktische Elemente abgeguckt („Lesen durch Schreiben“, mathe 2000, fester Sitzkreis und Computer in der Klasse usw.) und auch unsere Klassenaktionen (mindestens einmal jährlich Klassenfahrt ab dem ersten Schul-jahr, Schuleschlafen usw.) haben wohl einigen Kollegen als Anregung gedient. Der nächste wichtige Part ist die Information der Eltern. Ich habe mit allen Eltern und Kin-dern noch vor der Einschulung Gespräche geführt, sie – meist bei ihnen zu Hause – kennen gelernt, ihnen unsere Unterrichtsform erklärt, Fragen beantwortet und sie dann gefragt, ob sie mitziehen wollen, oder ob wir die Klasse lieber anders zusammenstellen sollen (diese Mög-lichkeit besteht ja bei frühzeitiger Planung und unterschiedlich arbeitenden Klassen). Bei mir haben allerdings alle Eltern mitgemacht; ich denke, sie haben gemerkt, dass ich hinter diesem Unterricht stehe und mich damit identifiziere. Das erste Jahr war stellenweise schon ziemlich chaotisch, oft haben die Eltern wahrscheinlich ihren Augen und Ohren nicht getraut. Aber die Leistungen der Kinder, die Einfachheit, mit der alle gelernt haben, die Beachtung jedes Einzelnen, die Integration auch der schwierigsten Kinder, all das hat die Eltern schließlich wahrscheinlich soweit überzeugt, dass unser unge-wöhnliches Verständnis von Schule weitgehend akzeptiert worden ist. Dass es für die Eltern auch kein leichter Umlernprozess war, hat man an vielen Stellen gemerkt, z. B. wenn man ihnen bei der Klassenpflegschaftssitzung gerade zwei Stunden Einblick in den offenen An-fangsunterricht gegeben hat, und sie dann bei der ersten Klassenbesichtigung ganz erstaunt das nicht vorhandene Lehrerpult (vor der Tafel) suchen ... Auch habe ich mit unserem Unterricht durchaus auch in die familiäre Erziehung eingegriffen. Die bei uns vom ersten Tag an praktizierte Basisdemokratie, die dann ab dem zweiten Schul-jahr so richtig von den Kindern genutzt wurde (abzulesen daran, dass es Tage gab, an denen ich den ganzen Tag nicht drangenommen wurde), wurde von vielen Kindern nun zumindest anteilig auch zu Hause eingefordert. Vielen Eltern ist wahrscheinlich erst beim Übergang an die weiterführende Schule so richtig klar geworden, dass unser Unterricht wohl doch nicht ganz so schlecht gewesen sein kann, denn es konnten (im Gegensatz zu den parallel geführten Klassen) der größte Teil der Kinder auf das Gymnasium gehen – und auch bei den restlichen Kindern waren es eher die Eltern, die bezüglich der Schulform tiefgestapelt haben.